Ein vorprogrammiertes Desaster
Die industrielle
Lachszucht schadet Chiles Küsten
Die industrielle Produktion
von Lachs gilt unter Umwelt- und TierschützerInnen als hochproblematisch. So
auch an der chilenischen Pazifikküste, wo die Lachsindustrie trotz aller Kritik
immer weiter expandiert. KleinfischerInnen und Zivilgesellschaft wehren sich
nun gegen die geplanten neuen Großprojekte.
von María Paz Villalobos Silva
Chile verfügt über eine mehr als 4000 km lange
Küste zum Pazifischen Ozean. Aufgrund günstiger naturräumlicher Voraussetzungen
hat sich in den chilenischen Küstengewässern eine einzigartige Biodiversität
und ein enormer Reichtum an Meeresressourcen herausgebildet. Dementsprechend
ist die lange Tradition der Küsten- und Kleinfischerei in Chile bis heute lebendig.
Sie stellt die Grundlage kleingewerblicher
oder subsistenzorientierter Aktivitäten von rund 75.000 FischerInnen dar.
Die exportorientierte Züchtung von Lachs in industriellem
Maßstab ist dagegen eine moderne, den tradierten Nutzungsformen
entgegenstehende Inwertsetzungsstrategie. Diese ist im Verlauf der letzten vierzig
Jahre in den küstennahen Gewässern exponentiell gewachsen, sodass Chile heute
der weltweit zweitgrößte Lachsexporteur ist. Die intensive Züchtung von Lachs hat
jedoch schwerwiegende Auswirkungen auf das marine Ökosystem. Infolge
permanenten Eintrags von ökosystemfremden Stoffen und aufgrund unkontrollierten
Algenwachstums ist das Meerwasser in alarmierender Weise kontaminiert. Es entstehen
Meeresgebiete mit eklatantem Mangel an Sauerstoff, mancherorts fehlt dieser
sogar ganz. Die normale Entwicklung und Reproduktion eines Ökosystems ist unter
solchen Bedingungen nicht mehr möglich.
Fäkalien,
Nitrogene, Antibiotika
Infolge der Lachszucht gelangen große Mengen Fäkalien und
übriggebliebene Nahrung ins Wasser. Dadurch steigt unter anderem die
Nitrogenbelastung massiv. Um bei den auf engstem Raum gezüchteten Fischen der
Ausbreitung von Krankheiten vorzubeugen, werden enorme Mengen an Antibiotika
und Pestiziden ins Wasser gegeben. Die Antibiotikabelastung pro Tonne Lachs
liegt laut dem Direktor der NGO Ecocéanes, Juan Carlos Cárdenas, an der chilenischen
Küste bereits 700 Mal über der norwegischen Norm (siehe www.re-vuelta.cl,
Eintrag vom 29.10.2018). Dennoch haben die Aktivitäten der Lachsindustrie in
den letzten 25 Jahren dazu geführt, dass es heute in chilenischen Gewässern
zwanzig verschiedene neue Fischkrankheiten gibt. Auch deshalb kommt es
immer wieder zu Massensterben in den Zuchtanlagen. Wiederholt verunreinigen
Millionen dieser mit Chemikalien vollgepumpten Kadaver das Wasser und lagern
sich auf dem Meeresboden ab. Im Zersetzungsprozess entstehen dann potenziell
giftige Stoffe, die sich dort anreichern.
Der permanente Stoffeintrag übersteigt die
bakteriellen Abbaukapazitäten im Ökosystem des Meeresbodens, sodass ein
Großteil des vorhandenen Sauerstoffs von den Bakterien verbraucht wird. Der
Austausch von Sauerstoff zwischen Meeresbodenoberfläche und Untergrund – eine
der wesentlichen Grundlagen der marinen Nahrungskette – wird so verhindert. Immer
wieder brechen chemisch belastete oder kranke Lachse aus den Zuchtanlagen aus.
So sind beispielsweise im August 2018 in Puerto Montt 900.000 kranke und unter
Antibiotikabehandlung stehende Lachse entkommen, deren Verzehr für Menschen
giftig wäre.
Exemplarisch zeigte sich an einer Umwelt- und
Gesundheitskatastrophe im Jahr 2016, wie verheerend und unkontrollierbar die
sozio-ökologischen Folgewirkungen dieses Industriezweigs im Zusammenspiel mit
natürlichen Faktoren des marinen Ökosystems sein können. In diesem Jahr war es
erneut zu dem zyklisch wiederkehrenden El
Niño-Phänomen gekommen. Ein Aspekt dieses Klimaphänomens ist, dass die
Oberflächentemperatur des Meeres ansteigt. Dies führte in Gewässern zwischen
Puerto Montt und Aysén, die infolge der Lachszucht mit Nitrogen übersättigt
sind, zu einer Algenblüte unbekannten Ausmaßes. Die Folge war auf einer
Küstenlänge von 420 km nicht nur die unkontrollierte Vermehrung zweier Phytoplanktonarten,
sondern auch ein als Rote Flut bekanntes
Phänomen, in dessen Verlauf für Mensch und Tier giftige Toxine im Wasser
freigesetzt werden. Bei hoher Konzentration können sie ein solch toxisches
Ambiente schaffen, dass alle höheren Meereslebewesen verenden und tote Wasserwüsten
entstehen.
Aufgrund der Katastrophe wurden drei Viertel der
Lachszuchtanlagen in der betroffenen Region geschlossen. Dennoch verendeten
40.000 Tonnen Lachs, von denen wiederum 11.000 Tonnen illegal vor der Küste der
Insel Chiloé im Meer entsorgt wurden. Damit wurde die Dynamik der Roten Flut
noch verschärft. An den Küsten der Insel wurden in der Folgezeit tausende Meerestierkadaver
angespült.
Abgesehen vom ökologischen Desaster wirkte sich diese
Katastrophe schwerwiegend auf die Wirtschaft der Küstengemeinden aus: In einer
Region, in der ein Drittel aller chilenischen KleinfischerInnen arbeiten, war
die Fischerei durch den ökologischen Kollaps über Monate hinaus nicht möglich.
Wurde doch etwas gefangen, durfte es aufgrund der Giftstoffbelastung nicht in
den Verkauf gebracht werden. Insgesamt wurden rund 16.500 Arbeitsplätze durch
die Umweltkatastrophe beeinträchtigt.
Expansion um
jeden Preis
Doch statt ihre Umweltschädlichkeit zu minimieren, begann
die Lachsindustrie, in chilenischen Gewässern neue Standorte für Zuchtanlagen zu
suchen - insbesondere entlang der offenen Pazifikküste zwischen Magallanes und
Maule. Im Herbst 2018 wurde ein neues Megaprojekt der Lachsindustrie in der
Region El Ñuble evaluiert. Die Firma Pelícano Investment hatte dem
Umweltministerium elf Teilprojekte zur intensiven Züchtung von Fischen, Lachs,
Muscheln und Makroalgen präsentiert. Jedes Projekt umfasst 18 Hektar und ist in
etwa gleich konzipiert. Pelícano Investment gehört der chilenischen
Investorenfamilie Stengel, einer von sieben Familien, die die industrielle
Fischerei in Chile kontrollieren.
Dem geplanten Megaprojekt stehen zahlreiche lokale
Gegebenheiten entgegen: Das Teilprojekt Pullay im Norden der Region soll direkt
neben dem Naturschutzgebiet Islotes
Lobería e Iglesia de Piedra de Cobquecura realisiert werden. Das Gebiet schützt
die wichtigste Kolonie von Mähnenrobben in Zentralchile. Es ist zudem bedeutend
als biologischer Korridor für weitere Meeressäugetiere wie Wale und Delphine,
die hier ihre Nahrung aufnehmen und ihre Jungen aufziehen. Sie sind durch die
chilenische Umweltgesetzgebung eigentlich unter Schutz gestellt.
Der für die Lachszucht vorgesehene Raum liegt außerdem in
den Fischgründen von tausenden KleinfischerInnen. Sie machen nun gegen die
Lachsindustrie mobil, weil sie nicht vereinbar sei mit dem Erhalt von
Meeresressourcen zu deren wirtschaftlicher Nutzung, wie er im Fischerei-Gesetz
garantiert werde. Darüber hinaus hängt die lokale Wirtschaft in dieser
Küstenregion vom Naturtourismus ab.
Angesichts der zu erwartenden negativen Auswirkungen und
nach der Kritik von FischerInnen, WissenschaftlerInnen und lokalen
Organisationen lehnte das Umweltministerium das Pullay-Projekt im Herbst 2018 ab.
Daraufhin zog die Firma ihre Genehmigungsanträge für drei weitere benachbarte
Projekte zurück, die dieselben konzeptionellen Fehler aufwiesen. Im November
2018 präsentierte sie dann aber Umweltgutachten für fünf weitere Projekte. Hier
liegen jedoch, wie bereits in allen vorhergehenden Fällen, nur unzureichende
Informationen zur Bewertung der Umweltauswirkungen vor. Ein Verbund aus lokalen
und nationalen AkteurInnen versucht derzeit in einem Beteiligungsverfahren, die
von Pelícano Investment eingereichte Umweltverträglichkeitsprüfung unter
wissenschaftlichen Gesichtspunkten kritisch zu hinterfragen.
Boykottiert
den Konsum!
Derzeit sind hunderte großmaßstäbige Lachszuchtprojekte
an der offenen Pazifikküste geplant, für die jedoch keinerlei Referenzprojekte
existieren. Das Ökosystem an der chilenischen Küste weist ein sensibles
Gleichgewicht auf, weitere unkontrollierte Eingriffe könnten irreparable
Schäden anrichten. Für die bereits entstandenen Schäden hat die Lachsindustrie
bislang jede Verantwortung zurückgewiesen.
Die ökologischen Folgen beeinträchtigen die
Küstengemeinden jedoch enorm. Fischerträge werden geringer oder fallen ganz
aus, und die Räume für die Küstenfischerei werden weiter eingeengt. Andere
Nutzungsformen wie Tourismus und Freizeit sind dann nicht mehr möglich. So
zeigt sich auch am Beispiel der Lachsindustrie einmal mehr, dass Chile mit
seinem neoliberalen Erbe noch immer einseitig exportorientierte Großprojekte
bevorzugt, ohne dabei auf Umweltbelange, lokale Interessen und Sozialverträglichkeit
zu achten.
Zivilgesellschaftliche Gruppen fordern deshalb jetzt ein
Moratorium für die Lachsindustrie. Sie rufen dazu auf, keinen chilenischen
Lachs mehr zu konsumieren, solange dessen Produktion die Meere am „Ende
der Welt“ vergiftet.
María Paz Villalobos Silva ist
Meeresbiologin. Sie forscht
zu nachhaltiger Küstennutzung und sozio-ökologischen Konflikten an chilenischen
Küsten, etwa durch die Lachs- und Papierindustrie.
Übersetzung aus dem Spanischen: Göran Wiebke
& Rosa Lehmann
Einklinker:
In Chile werden noch immer exportorientierte Großprojekte
bevorzugt
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