domingo, 14 de abril de 2019

Ein vorprogrammiertes Desaster Die industrielle Lachszucht schadet Chiles Küsten


Ein vorprogrammiertes Desaster

Die industrielle Lachszucht schadet Chiles Küsten

Die industrielle Produktion von Lachs gilt unter Umwelt- und TierschützerInnen als hochproblematisch. So auch an der chilenischen Pazifikküste, wo die Lachsindustrie trotz aller Kritik immer weiter expandiert. KleinfischerInnen und Zivilgesellschaft wehren sich nun gegen die geplanten neuen Großprojekte.

von María Paz Villalobos Silva

Chile verfügt über eine mehr als 4000 km lange Küste zum Pazifischen Ozean. Aufgrund günstiger naturräumlicher Voraussetzungen hat sich in den chilenischen Küstengewässern eine einzigartige Biodiversität und ein enormer Reichtum an Meeresressourcen herausgebildet. Dementsprechend ist die lange Tradition der Küsten- und Kleinfischerei in Chile bis heute lebendig. Sie stellt die Grundlage kleingewerblicher oder subsistenzorientierter Aktivitäten von rund 75.000 FischerInnen dar.

Die exportorientierte Züchtung von Lachs in industriellem Maßstab ist dagegen eine moderne, den tradierten Nutzungsformen entgegenstehende Inwertsetzungsstrategie. Diese ist im Verlauf der letzten vierzig Jahre in den küstennahen Gewässern exponentiell gewachsen, sodass Chile heute der weltweit zweitgrößte Lachsexporteur ist. Die intensive Züchtung von Lachs hat jedoch schwerwiegende Auswirkungen auf das marine Ökosystem. Infolge permanenten Eintrags von ökosystemfremden Stoffen und aufgrund unkontrollierten Algenwachstums ist das Meerwasser in alarmierender Weise kontaminiert. Es entstehen Meeresgebiete mit eklatantem Mangel an Sauerstoff, mancherorts fehlt dieser sogar ganz. Die normale Entwicklung und Reproduktion eines Ökosystems ist unter solchen Bedingungen nicht mehr möglich.

Fäkalien, Nitrogene, Antibiotika

Infolge der Lachszucht gelangen große Mengen Fäkalien und übriggebliebene Nahrung ins Wasser. Dadurch steigt unter anderem die Nitrogenbelastung massiv. Um bei den auf engstem Raum gezüchteten Fischen der Ausbreitung von Krankheiten vorzubeugen, werden enorme Mengen an Antibiotika und Pestiziden ins Wasser gegeben. Die Antibiotikabelastung pro Tonne Lachs liegt laut dem Direktor der NGO Ecocéanes, Juan Carlos Cárdenas, an der chilenischen Küste bereits 700 Mal über der norwegischen Norm (siehe www.re-vuelta.cl, Eintrag vom 29.10.2018). Dennoch haben die Aktivitäten der Lachsindustrie in den letzten 25 Jahren dazu geführt, dass es heute in chilenischen Gewässern zwanzig verschiedene neue Fischkrankheiten gibt. Auch deshalb kommt es immer wieder zu Massensterben in den Zuchtanlagen. Wiederholt verunreinigen Millionen dieser mit Chemikalien vollgepumpten Kadaver das Wasser und lagern sich auf dem Meeresboden ab. Im Zersetzungsprozess entstehen dann potenziell giftige Stoffe, die sich dort anreichern.

Der permanente Stoffeintrag übersteigt die bakteriellen Abbaukapazitäten im Ökosystem des Meeresbodens, sodass ein Großteil des vorhandenen Sauerstoffs von den Bakterien verbraucht wird. Der Austausch von Sauerstoff zwischen Meeresbodenoberfläche und Untergrund – eine der wesentlichen Grundlagen der marinen Nahrungskette – wird so verhindert. Immer wieder brechen chemisch belastete oder kranke Lachse aus den Zuchtanlagen aus. So sind beispielsweise im August 2018 in Puerto Montt 900.000 kranke und unter Antibiotikabehandlung stehende Lachse entkommen, deren Verzehr für Menschen giftig wäre.

Exemplarisch zeigte sich an einer Umwelt- und Gesundheitskatastrophe im Jahr 2016, wie verheerend und unkontrollierbar die sozio-ökologischen Folgewirkungen dieses Industriezweigs im Zusammenspiel mit natürlichen Faktoren des marinen Ökosystems sein können. In diesem Jahr war es erneut zu dem zyklisch wiederkehrenden El Niño-Phänomen gekommen. Ein Aspekt dieses Klimaphänomens ist, dass die Oberflächentemperatur des Meeres ansteigt. Dies führte in Gewässern zwischen Puerto Montt und Aysén, die infolge der Lachszucht mit Nitrogen übersättigt sind, zu einer Algenblüte unbekannten Ausmaßes. Die Folge war auf einer Küstenlänge von 420 km nicht nur die unkontrollierte Vermehrung zweier Phytoplanktonarten, sondern auch ein als Rote Flut bekanntes Phänomen, in dessen Verlauf für Mensch und Tier giftige Toxine im Wasser freigesetzt werden. Bei hoher Konzentration können sie ein solch toxisches Ambiente schaffen, dass alle höheren Meereslebewesen verenden und tote Wasserwüsten entstehen.

Aufgrund der Katastrophe wurden drei Viertel der Lachszuchtanlagen in der betroffenen Region geschlossen. Dennoch verendeten 40.000 Tonnen Lachs, von denen wiederum 11.000 Tonnen illegal vor der Küste der Insel Chiloé im Meer entsorgt wurden. Damit wurde die Dynamik der Roten Flut noch verschärft. An den Küsten der Insel wurden in der Folgezeit tausende Meerestierkadaver angespült.

Abgesehen vom ökologischen Desaster wirkte sich diese Katastrophe schwerwiegend auf die Wirtschaft der Küstengemeinden aus: In einer Region, in der ein Drittel aller chilenischen KleinfischerInnen arbeiten, war die Fischerei durch den ökologischen Kollaps über Monate hinaus nicht möglich. Wurde doch etwas gefangen, durfte es aufgrund der Giftstoffbelastung nicht in den Verkauf gebracht werden. Insgesamt wurden rund 16.500 Arbeitsplätze durch die Umweltkatastrophe beeinträchtigt.

Expansion um jeden Preis

Doch statt ihre Umweltschädlichkeit zu minimieren, begann die Lachsindustrie, in chilenischen Gewässern neue Standorte für Zuchtanlagen zu suchen - insbesondere entlang der offenen Pazifikküste zwischen Magallanes und Maule. Im Herbst 2018 wurde ein neues Megaprojekt der Lachsindustrie in der Region El Ñuble evaluiert. Die Firma Pelícano Investment hatte dem Umweltministerium elf Teilprojekte zur intensiven Züchtung von Fischen, Lachs, Muscheln und Makroalgen präsentiert. Jedes Projekt umfasst 18 Hektar und ist in etwa gleich konzipiert. Pelícano Investment gehört der chilenischen Investorenfamilie Stengel, einer von sieben Familien, die die industrielle Fischerei in Chile kontrollieren.

Dem geplanten Megaprojekt stehen zahlreiche lokale Gegebenheiten entgegen: Das Teilprojekt Pullay im Norden der Region soll direkt neben dem Naturschutzgebiet Islotes Lobería e Iglesia de Piedra de Cobquecura realisiert werden. Das Gebiet schützt die wichtigste Kolonie von Mähnenrobben in Zentralchile. Es ist zudem bedeutend als biologischer Korridor für weitere Meeressäugetiere wie Wale und Delphine, die hier ihre Nahrung aufnehmen und ihre Jungen aufziehen. Sie sind durch die chilenische Umweltgesetzgebung eigentlich unter Schutz gestellt.

Der für die Lachszucht vorgesehene Raum liegt außerdem in den Fischgründen von tausenden KleinfischerInnen. Sie machen nun gegen die Lachsindustrie mobil, weil sie nicht vereinbar sei mit dem Erhalt von Meeresressourcen zu deren wirtschaftlicher Nutzung, wie er im Fischerei-Gesetz garantiert werde. Darüber hinaus hängt die lokale Wirtschaft in dieser Küstenregion vom Naturtourismus ab.

Angesichts der zu erwartenden negativen Auswirkungen und nach der Kritik von FischerInnen, WissenschaftlerInnen und lokalen Organisationen lehnte das Umweltministerium das Pullay-Projekt im Herbst 2018 ab. Daraufhin zog die Firma ihre Genehmigungsanträge für drei weitere benachbarte Projekte zurück, die dieselben konzeptionellen Fehler aufwiesen. Im November 2018 präsentierte sie dann aber Umweltgutachten für fünf weitere Projekte. Hier liegen jedoch, wie bereits in allen vorhergehenden Fällen, nur unzureichende Informationen zur Bewertung der Umweltauswirkungen vor. Ein Verbund aus lokalen und nationalen AkteurInnen versucht derzeit in einem Beteiligungsverfahren, die von Pelícano Investment eingereichte Umweltverträglichkeitsprüfung unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten kritisch zu hinterfragen.

Boykottiert den Konsum!

Derzeit sind hunderte großmaßstäbige Lachszuchtprojekte an der offenen Pazifikküste geplant, für die jedoch keinerlei Referenzprojekte existieren. Das Ökosystem an der chilenischen Küste weist ein sensibles Gleichgewicht auf, weitere unkontrollierte Eingriffe könnten irreparable Schäden anrichten. Für die bereits entstandenen Schäden hat die Lachsindustrie bislang jede Verantwortung zurückgewiesen.

Die ökologischen Folgen beeinträchtigen die Küstengemeinden jedoch enorm. Fischerträge werden geringer oder fallen ganz aus, und die Räume für die Küstenfischerei werden weiter eingeengt. Andere Nutzungsformen wie Tourismus und Freizeit sind dann nicht mehr möglich. So zeigt sich auch am Beispiel der Lachsindustrie einmal mehr, dass Chile mit seinem neoliberalen Erbe noch immer einseitig exportorientierte Großprojekte bevorzugt, ohne dabei auf Umweltbelange, lokale Interessen und Sozialverträglichkeit zu achten.
Zivilgesellschaftliche Gruppen fordern deshalb jetzt ein Moratorium für die Lachsindustrie. Sie rufen dazu auf, keinen chilenischen Lachs mehr zu konsumieren, solange dessen Produktion die Meere am „Ende der Welt“ vergiftet.

María Paz Villalobos Silva ist Meeresbiologin. Sie forscht zu nachhaltiger Küstennutzung und sozio-ökologischen Konflikten an chilenischen Küsten, etwa durch die Lachs- und Papierindustrie.
Übersetzung aus dem Spanischen: Göran Wiebke & Rosa Lehmann

Einklinker:
In Chile werden noch immer exportorientierte Großprojekte bevorzugt








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